ENS
2009: 2.900 Neurologen tagen in Mailand
Multiple
Sklerose: Hoffnung durch neue orale Therapien
Mehr
als 400.000 Menschen in Europa leiden an Multipler Sklerose.
Die derzeit verfügbaren Behandlungsmethoden sind nicht
in der Lage, allen Betroffenen wirksam zu helfen. Forscher
in aller Welt arbeiten an einer Ausweitung der therapeutischen
Palette. Auf der Jahrestagung der Europäischen Neurologengesellschaft
in Mailand werden eine Reihe von viel versprechenden Studien
zu neuen Medikamenten zum Einnehmen präsentiert. Neue
Erkenntnisse gibt es auch zur Rehabilitation und Lebensqualität
von MS-Patienten.
Die
immunmodulierenden und immunsupressiven Therapien gegen
Multiple Sklerose, die uns heute zur Verfügung stehen,
sind nur teilweise wirksam. Wir müssen die bestehenden
Behandlungsmöglichkeiten besser nutzen unter
anderem, indem wir sie sehr früh im Krankheitsverlauf
einsetzen und innovative Wege gehen, um unseren Patienten
wirksam zu helfen, sagt Professor Giancarlo Comi (Mailand),
der Vorsitzende der Jahrestagung der Europäischen Neurologengesellschaft,
die derzeit in seiner Heimatstadt stattfindet. Dieses wissenschaftliche
Großereignis führt mehr als 2.900 Experten aus
aller Welt in Italien zusammen. Professor Comi: Eine
interessante neue Entwicklung sind neue Medikamente, die
besonders wirksam sind und oral verabreicht werden.
Mehr
als 400.000 Menschen in Europa leiden an Multipler Sklerose
(MS), der neurologischen Erkrankung, die am häufigsten
für dauerhafte Behinderung bei jungen Erwachsenen verantwortlich
ist. MS ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems
und gilt als Autoimmunerkrankung, mögliche andere Ursachen
werden ebenfalls diskutiert. Wir können Multiple
Sklerose noch immer nicht heilen. Aber in den vergangenen
Jahren gab wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse über
die Ursachen dieser Erkrankung und neue therapeutische Strategien,
sagt Professor Comi. Diese neuen Einsichten helfen
uns dabei, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen und die
Entwicklung von Behinderungen hinauszuzögern. Bald
werden einige neue Medikamente zur Verfügung stehen,
mit denen wir den Krankheitsverlauf besser kontrollieren
können. Das schafft für Betroffene neue, positive
Perspektiven.
Fingolimod
und Cladribin: Viel versprechende Studienergebnisse für
neue Substanzen zum Einnehmen
Die
Ergebnisse aktueller klinischer Studien zu neuen Substanzen
für die MS-Behandlung gehören zu den auf dem Kongress
in Mailand besonders interessiert erwarteten Präsentationen.
Ein internationales Forscherteam, dem Professor Comi angehört,
präsentiert neueste Studiendaten zur Substanz Fingolimod,
die sich noch im Stadium der klinischen Prüfung befindet
und noch nicht zugelassen ist. Eine frühere Studie
hatte gezeigt, dass orales Fingolimod die Rückfallsrate
bei MS-Patienten nach einem Jahr um mehr als 50 Prozent,
verglichen mit Plazebo, reduziert. Die neuen Daten, die
Professor Comi und seine Kollegen jetzt in Mailand präsentieren,
dokumentieren die weitere Entwicklung über einen längeren
Zeitraum. Nach vier Jahren haben Patienten, die mit
dieser Substanz behandelt werden, eine niedrige Rückfallsrate,
63 bis 70 Prozent erleben keinen neuen Krankheitsschub,
berichtet der Experte. Bei der Mehrheit der Patienten
verschlechtern sich auch der Entzündungsprozess und
die körperlichen Beeinträchtigungen nicht.
Eine
andere aktuelle Studie, die in Mailand von einer internationalen
Forschergruppe präsentiert wird, hat die Wirksamkeit
von Cladribin-Tabletten geprüft, ein anderes Medikament
in Entwicklung. Cladribin hat selektive Effekte auf
die Lymphozyten und erlaubt eine gezielte und nachhaltige
Immunmodulation, die wir im Verlauf eines Jahres beobachtet
haben, klärt Professor Comi. An der CLARTY Studie
nahmen 1.326 MS-Patienten mit wiederkehrenden Krankheitsschüben
teil. Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend, so Professor
Comi: Die Behandlung mit zwei verschiedenen Dosierungen
der Cladribin-Tabletten führte in der CLARTY Studie
zu einer signifikanten Verringerung der Rückfallsrate
minus 58 Prozent für die niedrige Dosierung
und minus 55 Prozent für die hohe Dosierung. Darüber
hinaus konnten wir bei beiden Dosierungen eine signifikante
Verringerung des Krankheitsverlaufs im Vergleich zu Plazebo
beobachten. Diese Ergebnisse, zusammen mit den MRI-Daten
und den Sicherheitsdaten, liefern klare Belege für
die Schlüsselrolle, die dieses neue Medikament in Zukunft
in der MS-Therapie spielen wird.
Non-Responder
früh identifizieren
In
dem Ausmaß, in dem neue Therapien verfügbare
werden, wird es umso wichtiger, Patienten frühzeitig
zu identifizieren, die auf herkömmliche Therapien nicht
ansprechen und bei denen sich trotz einer Behandlung mit
krankheitsmodulierenden Substanzen die Krankheitsaktivität
weiter entwickelt so genannte Non-Responder. Es
ist sehr wichtig, diese Patienten rasch zu identifizieren,
um ihre Therapie optimieren zu können, erklärt
Professor Comi. Es könnte sich hier als erforderlich
erweisen, bei Behandlungsbeginn mit Interferon Beta und
dann im weiteren Behandlungsverlauf immer wieder MRI einzusetzen.
Eine auf dem ENS Kongress in Mailand präsentierte spanische
Studie zeigt, dass Patienten, die nach zwölf Behandlungsmonaten
klinische oder per Bildgebung nachweisebare Anzeichen einer
fortschreitenden Krankheitsaktivität zeigen, jedenfalls
Kandidaten für einen Therapiewechsel sind. Denn sie
haben ein hohes Risiko für eine fortschreitende Verschlechterung.
Botolinum
Toxin gegen Spastik
Neues
gibt es auch zu einer besonders beeinträchtigenden
Komplikation, an der viele MS-Patienten leiden Spastik
der unteren Gliedmaßen. Keine der derzeit verfügbaren
Therapien ist hier befriedigend. Die oralen Arzneien haben
häufig belastende unerwünschte Wirkungen,
so Professor Comi. Neue Studiendaten zeigen jetzt,
dass Injektionen mit Botulinum Toxin Typ A sehr positive
Wirkungen auf diese Probleme haben, vor allem was die Schmerzen
und die Spasmen betrifft.
Stationäre
Rehabilitation bringt bessere Ergebnisse als ambulante
Auf
dem ENS Kongress werden auch neue Forschungsergebnisse auf
dem Gebiet der Rehabilitation präsentiert. Ein Mailänder
Forscherteam um Professor Comi hat die Ergebnisse von stationärer
und ambulanter Rehabilitation für MS-Patienten verglichen.
Intensive stationäre Rehabilitation scheint den
Patienten mehr Nutzen zu bringen, was die Mobilisierung
und das Reduzieren von Beeinträchtigungen betrifft,
als eine ambulante Rehabilitation, sagt Professor
Comi. Dieser Vorteil der stationären Rehabilitation
geht aber nach einigen Monaten wieder verloren, wenn es
nicht zusätzlich nach der Entlassung ambulante Angebote
gibt.
Abstracts:
ENS abstract 17: Tolosa, Where and when does Parkinson's
disease start?
ENS abstract O39: Oberholzeret al, Sleepwalking in patients
with Parkinsons disease.
ENS abstract O38: Gescheidt et al, Iowa Gambling Task in
young patients with Parkinsons disease without the
history of pathological gambling.
ENS abstract P 408: Spica et al, Suicide and suicidal ideation
in Parkinsons disease.
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