ENS
2009: 2.900 Neurologen tagen in Mailand
Alzheimer,
Kopfschmerzen, Multiple Sklerose: Innovative Neuro-Bildgebung
unterstützt frühe Diagnose und maßgeschneiderte
Therapiestrategien
Moderne
bildgebende Verfahren wie funktionelles MRI oder Diffusions-Tensor
MRI bringen einen Innovationsschub in die Neurologie, berichten
Experten auf der Jahrestagung der Europäischen Neurologengesellschaft
in Mailand. Erkrankungen wie etwa Alzheimer-Demenz können
nicht nur früher diagnostiziert werden der Blick
ins Gehirn eröffnet auch neue Möglichkeiten
für maßgeschneiderte Therapien.
Dank
ihrer enormen Genauigkeit, ihrer geringen Invasivität
und des rasanten technischen Fortschritts haben sich moderne
bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanz
oder Diffusions-Tensor-Bildgebung als eine hervorragende
Option etabliert, das Zentrale Nervensystem darzustellen,
sagt Professor Massimo Filippi (Mailand), Teaching Course
Director der Europäischen Neurologentagung (ENS). Zu
diesem wissenschaftlichen Grossereignis treffen in Mailand
mehr als 2.900 Neurologen aus aller Welt zusammen.
Darstellung
von Sprache, Verhalten und Wahrnehmung
Neuroimaging
steht weit oben auf der Kongress-Agenda. Der innovative
Blick ins Gehirn eröffnet nicht nur völlig neue
Wege der Früherkennung und Behandlung vieler neurologischer
Erkrankungen, sondern verhilft den Experten auch zu einem
besseren Verständnis dafür, wie bestimmte Abläufe
im zentralen Nervensystem funktionieren. Professor Filippi:
Die Möglichkeit, Gehirnfunktionen mittels moderner
Bildgebung dazustellen, hat zu vielen neuen Erkenntnissen
über die Grundlagen des menschlichen Verhaltens oder
der Kognition geführt. Funktionelle Bildgebung hat
es uns erst ermöglicht, die Rolle von bestimmten Netzwerken
in verschiedenen Gehirnregionen zu verstehen. Ein
anderes Thema, das die Neurowissenschaftler mittels Kombination
verschiedener moderner bildgebender Verfahren zunehmend
entschlüsseln, ist die neuronale Grundlage der Sprache.
In ähnlich interdisziplinärer Weise nähern
wir uns anderen Aspekten unserer kognitiven Funktionen,
wie etwa Erinnerung, logisches Denken oder die Fähigkeit,
Entscheidungen zu treffen, erklärt Professor
Filippi. Zahlreiche Forschergruppen beschäftigen
sich auch mit der Funktionsweise der so genannten Spiegelneuronen,
der Steuerung von Bewegungsabläufen durch das Gehirn
oder der Dominanz bestimmter Gehirnregionen. Die Ergebnisse
solcher Untersuchungen haben zum Beispiel für Schlaganfall-Patienten
eine grosse praktische Bedeutung, die nach einer halbseitigen
Lähmung Bewegungen wieder neu erlernen müssen.
Alzheimer,
Kopfschmerzen & Co: Bessere Früherkennung
Die
rasante Entwicklung in der modernen Bildgebung hat wesentlich
zu einer verbesserten Diagnostik neurologischer Erkrankungen
beigetragen, betont Professor Filippi: Neuroimaging
gibt uns neue diagnostische Optionen in die Hand, mit denen
sich zum Beispiel das Ausmass einer Verletzung des zentralen
Nervensystems feststellen lässt oder die Ursachen für
Störungen besser identifiziert werden können.
So können wir auch gezielter intervenieren, um etwa
den Folgen von Gehirnschädigungen besser vorzubeugen.
Eine
Forschergruppe um Professor Filippi präsentiert auf
dem ENS Kongress eine Studie, die zu einer besseren Abgrenzung
zwischen dem normalen Alterungsprozess des Gehirns und der
Alzheimer-Erkrankung beitragen könnte. Mittels Diffusions-Tensor
MRI haben die Wissenschaftler Veränderungen in der
weißen Gehirnmasse untersucht und zwar bei
gesunden Menschen, bei Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen
und bei Alzheimer-Patienten. Tatsächlich zeigen sich
deutliche Unterschiede, wie die Studie zeigt: Wichtige Gehirnfasern
haben im MRI ein deutlich unterschiedliches Erscheinungsbild
je nachdem, ob die Person gesund, kognitiv etwas
beeinträchtigt oder an Alzheimer-Demenz erkrankt ist.
Auch
bei einer anderen verbreiteten neurologischen Erkrankung
liefert die moderne Neuro-Bildgebung wichtige neue Erkenntnisse:
In einer anderen Studie, die auf dem ENS-Kongress in Mailand
präsentiert wird, wurden mittels funktioneller Magnetresonanz
bestimmte neuronale Netzwerke gesunder Menschen und von
Patienten mit Cluster-Kopfschmerzen miteinander verglichen.
Die Analyse zeigte, dass Menschen mit Cluster-Kopfschmerzen
auch dann, wenn sie gerade keine akute Attacke haben, in
den visuellen und motorischen Netzwerken des Gehirns Abweichungen
von gesunden Menschen aufweisen.
Eine
andere aktuelle Arbeit der Mailänder Wissenschaftler
zeigt den Nutzen moderner Bildgebung für die Früherkennung
der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS), einer sehr schwerwiegenden
Erkrankung mit motorischen Störungen und Lähmungen,
die oft dramatisch verläuft. Die Früherkennung
ist häufig sehr schwierig, da die Diagnostik in erster
Linie auf klinischen Kriterien beruht Biomarker,
mit denen sich objektiv die bereits vorhandenen Schäden
im Zentralen Nervensystem messen lassen, sind bisher nicht
verfügbar. Das könnte sich jetzt aber ändern,
wie Professor Filippi berichtet: Mittels Diffusions-Tensor-MRI
konnten wir zeigen, dass ALS-Patienten mit einer noch sehr
geringen Beeinträchtigung bereits deutlich erkennbare
Schäden im kortikospinalen Trakt des Nervensystems
haben.
Den
Krankheitsverlauf beobachten Massgeschneiderte Behandlungsstrategien
Die
modernen bildgebenden Verfahren spielen aber nicht nur in
der Früherkennung oder der Beobachtung des Krankheitsverlaufs
eine wichtige Rolle, sondern sie verbessern auch die Evaluierungsmöglichkeiten,
wie gut ein Patient im Einzelfall auf eine bestimmte Therapie
anspricht. Das erlaubt uns, rasch und zuverlässig
die Wirksamkeit experimenteller Therapien zu beurteilen,
so Professor Filippi. Eine neue Studie, die der Experte
beim ENS-Kongress präsentiert, zeigt, wie sich mit
funktionellem MRI die Therapie von Erschöpfungszuständen
bei Neuropathie-Patienten optimieren lässt. Die
Studie zeigt, dass bei Menschen, die im Rahmen einer peripheren
Neuropathie an den typischen motorischen Erschöpfungszuständen
leiden, die Interaktionen zwischen bestimmten Gehirnregionen
gestört sind, fasst Professor Filippi die neuen
Einsichten zusammen.
In
Zukunft könnten die Möglichkeiten der neuronalen
Bildgebung zu einem wichtigen Ziel der modernen Medizin
beitragen nämlich zur individualisierten Therapie.
Je mehr wir über die Zusammenhänge wissen,
desto besser können wir massgeschneiderte Behandlungsstrategien
entwickeln, so Professor Filippi.
Abstracts:
ENS abstract O151: Pievani et al, Diffusion tensor MRI assessment
of white-matter fibre changes in Alzheimers disease
and mild cognitive impairment.
ENS abstract P303: Rocca et al, Altered resting state networks
in patients with cluster headache.
ENS abstract P 334: Filippi et al, Functional MRI correlates
of fatigue in patients with hereditary and acquired peripheral
neuropathy.
ENS abstract P687: Mattioli et al, Cognitive training in
multiple sclerosis: an fMRI study.
ENS abstract ?: Agosta et al, Diffusion tensor MRI tractography
study of the brain white matter pathways in ALS
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