ENS
2009: 2.900 Neurologen tagen in Mailand
Parkinson:
Zunehmende Aufmerksamkeit für nicht-motorische Störungen
eröffnet neue Therapieoptionen
Nicht-motorischen
Beschwerden von Parkinson-Patienten wie Schlafstörungen,
Depressionen oder anderen psychiatrischen Problemen widmen
Neurologen zunehmende ihre Aufmerksamkeit, berichten Experten
bei der Jahrestagung der Europäischen Neurologengesellschaft
(ENS) in Mailand. Die neuen Erkenntnisse über diese
Probleme eröffnen auch neue therapeutische Möglichkeiten.
Nicht-motorische
Manifestationen der Parkinson Erkrankung stellen eine besondere
neue Herausforderung dar, ihre Bedeutung in der Diagnose
und Therapie der Erkrankung werden zunehmend anerkannt,
sagt Professor Claudio Bassetti (Zürich), Wissenschaftlicher
Programmdirektor der Jahrestagung der Europäischen
Neurologengesellschaft (ENS), die derzeit in Mailand stattfindet.
Auf diesem wissenschaftlichen Großereignis diskutieren
mehr als 2.900 Experten aus aller Welt wichtige Trends und
neue Entwicklungen aus allen Bereichen der Neurologie.
Mehr
Aufmerksamkeit für nicht-motorische Parkinson-Beschwerden
Eine
wichtige Gruppe von Beschwerden, an denen Parkinson-Patienten
leiden, hat mit dem Dopaminmangel im Gehirn, der für
die Erkrankung verantwortlich gemacht wird, nichts zu tun:
Parkinson-Patienten leiden nicht nur an den bekannten
motorischen Störungen, sondern auch an einer ganzen
Reihe von nicht-motorischen Problemen wie Schlafstörungen,
Depression, Psychosen, Halluzinationen oder Demenz. Diese
Störungen brauchen eine sehr genaue Diagnostik und
eine spezifische Therapie und zwar üblicherweise
nicht mit den gängigen Dopamin-stimulierenden Parkinson-Medikamenten.
Beim ENS-Kongress werden eine ganze Reihe von Studien zu
diesem Problemkreis präsentiert.
Das
Thema ist schon deshalb von besonderer Bedeutung, weil häufig
gerade die nicht-motorischen Störungen erste Anzeichen
der Parkinson-Erkrankung sind, wie Experten auf dem Kongress
in Mailand betonen. Klinische und pathologische Studien
und bildgebende Verfahren fördern immer mehr Belege
dafür zutage, dass Geruchs- oder Geschmacksstörungen,
Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen bei Parkinson-Patienten
oft schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, vor den ersten Bewegungsstörungen
auftreten. Epidemiologische und klinische Studien
liefern uns klare Hinweise, dass die nicht-motorischen Symptome
bereits ein oder zwei Jahrzehnte vor den ersten motorischen
Parkinson-Störungen auftreten, betont Professor
Bassetti. Und der neurodegenerative Prozess beginnt
bereits Jahre, bevor sich die ersten nicht-motorischen Symptome
manifestieren.
Patienten
mit Parkinson und Restless Legs Syndrom nehmen oft mehr
Dopamin als nötig
Mehrere
wissenschaftliche Sitzungen beschäftigen sich auf dem
Kongress in Mailand mit Parkinson und dem Restless Leg Syndrom
(RLS). Mehr als 1,2 Millionen Menschen in Europa leiden
an einer Parkinson Erkrankung, der zweithäufigsten
neuro-degenerativen Erkrankung. Auch wenn in der Mehrheit
der Fälle ältere Menschen betroffen sind, gibt
es auch Patienten, bei denen sie bereits mit 40 oder noch
früher auftritt.
Wir
beobachten zunehmend, dass manche Patienten mit Parkinson
oder RLS mehr Dopamin einnehmen als eigentlich nötig
wäre, sagt Professor Bassetti. Mit ein
Grund für diesen exzessiven Gebrauch könnte sein,
dass Dopamin im Belohnungssystem des Gehirns ebenso eine
Rolle spielt wie in der Neurobiologie der Sucht.
Parkinson
als Risikofaktor für Spielsucht und andere nicht stoffgebundene
Süchte
Es
zeigt sich, dass Parkinson-Patienten häufiger als Gesunde
Probleme mit kompulsiven Störungen haben. Eine
gestörte Impulskontrolle, wie bei der Spielsucht, der
Hyper-Sexualität, der Kaufsucht, Essstörungen
oder eben dem Missbrauch von Dopamin-stimulierenden Medikamenten,
kann Betroffene in den wirtschaftlichen Ruin treiben und
das soziale Stigma von Parkinson-Patienten weiter verstärken,
erklärt Professor Bassetti.
In
einer tschechischen Studie, die auf dem ENS Kongress in
Mailand präsentiert wird, wurden 20 Parkinson-Patienten,
bei denen die Erkrankung bereits vor ihrem 45. Lebensjahr
aufgetreten war, mit 20 gesunden Personen verglichen. Ein
spezieller Test zur Abklärung von Spielsucht, die Iowa
Gambling Task (IGT), wurde mit allen Studienteilnehmer durchgeführt.
Parkinson-Patienten schnitten dabei schlechter ab als die
Angehörigen der Kontrollgruppe. Es ist unbedingt
nötig, ein mögliches pathologisches Spielverhalten
bei jüngeren Parkinson-Patienten auch in der Therapie
entsprechend zu berücksichtigen, so das Forscherteam.
90
Prozent der Parkinson-Patienten leiden an Schlafstörungen
Lebensqualität massiv beeinträchtigt
Schlafstörungen
sind unter Parkinson-Patienten besonders häufig. In
einer Studie, die wir in Zürich mit 178 Parkinson-Patienten
durchgeführt haben, konnten wir bei 65 Prozent der
Betroffenen Störungen im Schlaf-Wach-Rhythmus beobachten,
etwa 50 Prozent der Patienten litt an Schlaflosigkeit, 11
Prozent hatten Einschlafstörungen, 14 Prozent Alpträume,
ebenso 14 Prozent klagten über RLS und 36 Prozent kämpften
mit massiver Tagesmüdigkeit.
Parkinson-Patienten
sind häufiger Schlafwandler
Eine
andere Studie aus Zürich, die Professor Bassetti und
sein Team in Mailand präsentieren, zeigt dass Schlafwandeln
bei Parkinson-Patienten viel häufiger vorkommt als
in der Allgemeinbevölkerung. Die Ergebnisse unserer
Studien liefern Hinweise, dass Schlafwandeln eine relativ
späte Manifestation der Parkinson Erkrankung ist,
fasst Professor Bassetti Ergebnisse der Untersuchung zusammen.
Es zeigt sich darüber hinaus, dass Parkinson-Patienten,
die auch Schlafwandler sind, häufiger unter Halluzinationen
und Alpträumen leiden als Parkinson-Patienten ohne
dieses nächtliche Problem.
Ein
Viertel der Parkinson-Pateinten mit Selbstmord-Gedanken
Eine
Studie aus Belgrad, die beim Neurologenkongress in Mailand
präsentiert wird, zeigt ein anderes, häufig vernachlässigtes
Problem von Parkinson Patienten auf: Die Forscher beobachteten
eine Gruppe von 102 Parkinson-Patienten über acht Jahre.
Die Suizid-Rate in dieser Gruppe lag bei acht Prozent, das
ist deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung.
Eine Gruppe von 128 Parkinson-Patienten wurde psychologisch
getestet: Fast ein Viertel (23 Prozent) äußerten
Todessehnsucht oder Selbstmordgedanken eine emotionale
Belastung, die zusätzlich zu einer Verschlechterung
der Lebensqualität beiträgt.
Abstracts:
ENS
abstract 17: Tolosa, Where and when does Parkinson's disease
start?
ENS
abstract O39: Oberholzeret al, Sleepwalking in patients
with Parkinsons disease.
ENS
abstract O38: Gescheidt et al, Iowa Gambling Task in young
patients with Parkinsons disease without the history
of pathological gambling.
ENS
abstract P 408: Spica et al, Suicide and suicidal ideation
in Parkinsons disease.
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