von Dr. med.
Jochen H. Kubitschek
( Erstabdruck in der Tageszeitung Die Welt )
Wer besonders ängstlich
und schüchtern ist, möchte diese Schwäche gerne vor seinen
Mitmenschen verbergen - doch Zittern, fleckige Hautrötungen
im Gesicht, Angstschweiß und Herzklopfen sind verräterische
Zeichen, die selbst bei Freunden spöttische Bemerkungen provozieren.
Sind diese Beschwerden besonders stark ausgeprägt und ziehen
sie negative Folgen im sozialen Miteinander nach sich, so
sprechen die Ärzte mittlerweile von einer "sozialen Phobie".
Dieses selbständige Krankheitsbild ist von zunehmender gesellschaftlicher
Bedeutung, da immer mehr Menschen darunter leiden. Nach neuesten
Studien liegt die Häufigkeit dieser Form der Angsterkrankung
in der Gesamtbevölkerung bei etwa 10 %. Als akut behandlungsbedürftig
gelten davon 1 bis 3 % der Betroffenen. Die Analyse der zusammengetragenen
Fakten zeigt, dass die soziale Phobie beide Geschlechter,
alle sozialen Schichten sowie Menschen unterschiedlichster
Bildungsgrade gleichermaßen befällt.
Typisch für das
Krankheitsbild der Sozialen Phobie sind unbegründete, sich
zwanghaft aufdrängende Ängste. Diese führen dazu, daß die
Betroffenen versuchen alle jene Situationen zu meiden, die
sie den angeblich prüfenden Blicken von Menschen aussetzen
oder durch die sie in Verlegenheit gebracht werden könnten.
Beinahe zwangsläufig entwickelt sich hieraus eine zunehmende
soziale Isolation der zunehmend verunsicherten Kranken, da
diese kaum noch das Haus verlassen mögen. Selbst im Schutz
der eigenen vier Wände ruft bereits die Vorstellung einer
solchen bedrohlichen Situation so starke Ängste hervor, daß
die Betroffenen zur völligen Passivität verurteilt sind.
Die Mehrzahl dieser
Menschen sind sich zwar durchaus ihrer Ängste bewusst - sie
wissen jedoch oft nicht, dass sie an einer mittlerweile heilbaren
psychischen Krankheit leiden. Ohne eine Behandlung verursachen
die Beschwerden - bzw. deren Begleit- und Folgekrankheiten
- eine regelrechte Abwärtsspirale aus unangemessener Angst,
panischer Situationsvermeidung, vermehrter Angst, schwindendem
Selbstvertrauen, Depressionen, sozialer Isolation, beruflichen
oder privaten Problemen, Misserfolgen oder Behinderungen.
Alkoholismus oder Medikamentenmissbrauch stehen nicht selten
am Ende eines Leidensweges, der schließlich gelegentlich durch
einen Selbstmord endet.
Unter den Behandlungsmethoden
existieren neben der medikamentösen Therapie - beispielsweise
mit einem sog. reversiblen, selektiven Hemmer der Monoaminooxydase
A wie Moclobemid - eine Vielzahl an psychotherapeutischen
Verfahren. Von diesen haben sich bisher allerdings lediglich
die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen als
wirksam erwiesen.
Diese Verfahren zeichnen sich durch den geringen Zeitaufwand,
die überprüfbare Wirksamkeit und die Ausrichtung auf überschaubare
und konkrete Behandlungsziele aus. So können beispielsweise
Rollenspiele helfen, die Soziale Phobie selbst nach jahrelangem
chronischen Verlauf doch noch zu bewältigen.
Besonders die gezielte
Konfrontation mit bestimmten angstbesetzten Situationen soll
helfen, die übertriebenen Angstreaktionen abzubauen. Wird
die Verhaltenstherapie mit bestimmten Medikamenten kombiniert,
so können etwa 80 % der Patienten dauerhaft von ihren Problemen
befreit werden. Da in Deutschland aber schätzungsweise zwei
Millionen Betroffene behandlungsbedürftig sind, bekommt die
ungenügende Zahl ausgebildeter Verhaltenstherapeuten eine
besondere Brisanz, die die konkreten Heilungschancen stark
einschränkt.
Wegen der Gefahr
eines Medikamentenmissbrauchs wird der Einsatz von Medikamenten
wie Valium - einem sog. Tranquilizer - mit äußerster Zurückhaltung
und nur für die Kurzzeitbehandlung empfohlen. Angesichts der
Effektivität verhaltenstherapeutischer Maßnahmen und bestimmter
psychotroper Wirkstoffe wird deshalb für besonders schwierige
Fälle die Kombination von Verhaltens- und Arzneimitteltherapie
empfohlen.