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Soziale Phobie - Krankheit der 
90er Jahre ?

von Dr. med.  Jochen H. Kubitschek
( Erstabdruck in der Tageszeitung Die Welt )

 

Wer besonders ängstlich und schüchtern ist, möchte diese Schwäche gerne vor seinen Mitmenschen verbergen - doch Zittern, fleckige Hautrötungen im Gesicht, Angstschweiß und Herzklopfen sind verräterische Zeichen, die selbst bei Freunden spöttische Bemerkungen provozieren. Sind diese Beschwerden besonders stark ausgeprägt und ziehen sie negative Folgen im sozialen Miteinander nach sich, so sprechen die Ärzte mittlerweile von einer "sozialen Phobie". Dieses selbständige Krankheitsbild ist von zunehmender gesellschaftlicher Bedeutung, da immer mehr Menschen darunter leiden. Nach neuesten Studien liegt die Häufigkeit dieser Form der Angsterkrankung in der Gesamtbevölkerung bei etwa 10 %. Als akut behandlungsbedürftig gelten davon 1 bis 3 % der Betroffenen. Die Analyse der zusammengetragenen Fakten zeigt, dass die soziale Phobie beide Geschlechter, alle sozialen Schichten sowie Menschen unterschiedlichster Bildungsgrade gleichermaßen befällt.

Typisch für das Krankheitsbild der Sozialen Phobie sind unbegründete, sich zwanghaft aufdrängende Ängste. Diese führen dazu, daß die Betroffenen versuchen alle jene Situationen zu meiden, die sie den angeblich prüfenden Blicken von Menschen aussetzen oder durch die sie in Verlegenheit gebracht werden könnten. Beinahe zwangsläufig entwickelt sich hieraus eine zunehmende soziale Isolation der zunehmend verunsicherten Kranken, da diese kaum noch das Haus verlassen mögen. Selbst im Schutz der eigenen vier Wände ruft bereits die Vorstellung einer solchen bedrohlichen Situation so starke Ängste hervor, daß die Betroffenen zur völligen Passivität verurteilt sind.

Die Mehrzahl dieser Menschen sind sich zwar durchaus ihrer Ängste bewusst - sie wissen jedoch oft nicht, dass sie an einer mittlerweile heilbaren psychischen Krankheit leiden. Ohne eine Behandlung verursachen die Beschwerden - bzw. deren Begleit- und Folgekrankheiten - eine regelrechte Abwärtsspirale aus unangemessener Angst, panischer Situationsvermeidung, vermehrter Angst, schwindendem Selbstvertrauen, Depressionen, sozialer Isolation, beruflichen oder privaten Problemen, Misserfolgen oder Behinderungen. Alkoholismus oder Medikamentenmissbrauch stehen nicht selten am Ende eines Leidensweges, der schließlich gelegentlich durch einen Selbstmord endet.

Unter den Behandlungsmethoden existieren neben der medikamentösen Therapie - beispielsweise mit einem sog. reversiblen, selektiven Hemmer der Monoaminooxydase A wie Moclobemid - eine Vielzahl an psychotherapeutischen Verfahren. Von diesen haben sich bisher allerdings lediglich die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen als

wirksam erwiesen. Diese Verfahren zeichnen sich durch den geringen Zeitaufwand, die überprüfbare Wirksamkeit und die Ausrichtung auf überschaubare und konkrete Behandlungsziele aus. So können beispielsweise Rollenspiele helfen, die Soziale Phobie selbst nach jahrelangem chronischen Verlauf doch noch zu bewältigen.

Besonders die gezielte Konfrontation mit bestimmten angstbesetzten Situationen soll helfen, die übertriebenen Angstreaktionen abzubauen. Wird die Verhaltenstherapie mit bestimmten Medikamenten kombiniert, so können etwa 80 % der Patienten dauerhaft von ihren Problemen befreit werden. Da in Deutschland aber schätzungsweise zwei Millionen Betroffene behandlungsbedürftig sind, bekommt die ungenügende Zahl ausgebildeter Verhaltenstherapeuten eine besondere Brisanz, die die konkreten Heilungschancen stark einschränkt.

Wegen der Gefahr eines Medikamentenmissbrauchs wird der Einsatz von Medikamenten wie Valium - einem sog. Tranquilizer - mit äußerster Zurückhaltung und nur für die Kurzzeitbehandlung empfohlen. Angesichts der Effektivität verhaltenstherapeutischer Maßnahmen und bestimmter psychotroper Wirkstoffe wird deshalb für besonders schwierige Fälle die Kombination von Verhaltens- und Arzneimitteltherapie empfohlen.

 

 
 



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